Unwirkliche Buchmesse

wortmax am 18. März 2013 in Reisenotizen

lbm13Das war sie also, die Leipziger Buchmesse 2013; sehr unwirklich dieses Mal, angesichts eines Winters, der wie ein dicker Pickel an der Backe des Kalenders klebt und sich einen feuchten Dreck schert um irgendwelche meteorologischen oder kalendarischen Frühlingsanfänge. Für mich jedenfalls fühlt es sich an, als habe das Jahr noch gar nicht angefangen.

Hinzu kommt die Terminfülle. Viele Termine sind natürlich erfreulich. Einerseits. Andererseits vergehen zwei Messetage, der Donnerstag und der Freitag, wie im Fluge. Man braucht dafür gar nicht mal so viele Verabredungen. Eben noch beim Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf den ersten Keks aus der Schale gemopst und schwups! … schon tuckelt man wieder resümierend auf der A14 heimwärts. Dieses Husch-husch-und-schon-wieder-wech verstärkte nicht unwesentlich das Gefühl, gar nicht auf der Buchmesse gewesen zu sein.

Daher wäre mein Wunsch an die Leipziger Buchmesse, sie würde sich in Zukunft mit dem Mittwoch noch einen Tag vorne drankleben lassen. Wie auf der Buchmesse in Frankfurt. Denn wer will sich schon (freiwillig) am Samstag oder Sonntag einbahnstraßig durch die überfüllten Messegänge quälen und dauernd diese puscheligen Extremitäten der Cosplayer ins Auge gedrückt bekommen? Letzteres darf man wochentags ja sowieso schon in den Straßenbahnen erleben.

Außerdem wünsche ich mir für die nächste Frühjahrsbuchmesse ein besseres Ticket-Bestellsystem. Jawoll! Jedes Jahr muss man sich erneut als Fachbesucher ausweisen, mit Dokumenten, die dafür völlig irrelevant sind, und das alles über ein fehlerhaftes Online-Formular. Dabei sind die beruflichen Daten bei vorherigen Besuchen schon zigmal aufgenommen worden. Kundenbindung geht irgendwie anders, glaube ich.

Sonst aber gibt es keinen Grund zur Klage. Zumindest nicht für mich persönlich. Außer vielleicht noch, dass der Haltbarkeitswert einer Buchveröffentlichung immer weiter zu schrumpfen scheint. Es ist gerade erst ein paar Monate her, da hielt ich in Frankfurt ein neues eigenes Sachbuch in den Händen, und schon dreht sich alles um die nächste Veröffentlichung, statt erst einmal in Ruhe zu analysieren, wie das letzte Werk so angekommen ist und inwieweit es sich lohnt, noch weiter über dessen Inhalt und Vermarktung nachzudenken. Wie gesagt: Es ist eine schnelllebige Zeit, und alles ist so unwirklich geworden.

Das gilt übrigens auch für die abendlichen Verabredungen. Ich meine, wer denkt als Nichtleipziger bei einem Lokal mit dem Namen »Hotel Seeblick« schon an eine hippe Szenekneipe fernab eines jeden Gewässers, wo einem Flaschenbier und fette Burger serviert werden und sich Leute herumtreiben wie der Chefhedoniker? Das kann doch alles gar nicht wahr sein.

Hätte ich gestern nicht diese Mails meiner Lektorin bekommen, gäbe es zudem nicht einen neuen Kurzgeschichtenwettbewerb vorzubereiten und würde da nicht ein neuer Webauftrag auf meinem Schreibtisch liegen sowie eine Liste mit wichtigen Daten, u.a. zu den nächsten Buchveröffentlichungen und Leseauftritten von T.C. Boyle im September, so könnte man meinen, das alles sei nur im Traum passiert.

Vielleicht sollte ich meinen treuen Buchmessenbegleiter Karsten Weyershausen beim nächsten Besuch in Leipzig mal darum bitten, mir zwischendurch eine zu kleben, um das Wandeln durch die Messehallen und Messegänge, von Termin zu Termin, von Kaffee zu Kaffee, bewusster und vor allem nachhaltiger zu erleben. Ich vermute, er wird mir auf diese Weise äußerst gern behilflich sein.

Armin

Weyershausen am 13. August 2012 in Leservat

Armin AbmeierIm Herbst 2005 trat während der Frankfurter Buchmesse der legendäre Bukowski-Entdecker Carl Weissner auf. Mein Kollege Holger Reichard hatte vor, dort einen gewissen Armin Abmeier zu treffen, mit dem er seit einiger Zeit in Verbindung stand. »Komm doch mit. Das könnte auch für Dich ganz interessant sein«, köderte mich Holger. Und wie so oft hatte er recht.

Es stellte sich heraus, dass Weissner und Abmeier alte Freunde waren. Als langjährige Weggefährten Bukowskis besuchten sie auch dessen Hochzeit. Bukowskis Texte hatten auch mich in meiner Jugend sehr beeindruckt, daher wurde es ein denkwürdiges Treffen. Nachdem sich Weissner von uns verabschiedet hatte, tranken wir noch einen Kaffee mit Abmeier, der uns mit Anekdoten geradezu überhäufte. Viele weitere gemeinsame Koffein-Exzesse sollten in den nächsten Jahren folgen.

Abmeier gehörte weder zu den vergeistigten Soziopathen noch zu den aalglatten Snobs, über die man sonst auf der Buchmesse stolpert. Im Gegenteil: Er war herzlich und interessiert. Ein äußerst dynamisch wirkender älterer Herr mit weißem Vollbart, Brille und einem stets verschmitzten Lächeln, hinter dem eine wildbewegte Vergangenheit aufblitzte. Armin hatte einst als Verlagsvertreter angefangen und unterwegs so einiges erlebt. Ich mochte ihn auf Anhieb. Auf seinem Revers prangte damals eine kleine »Mr. Natural«-Figur von Underground-Legende Robert Crumb, ebenfalls ein alter Bekannter, wie er beiläufig erwähnte. Abmeier war nicht nur ein Büchernarr, sondern – noch besser – auch ein Comicnarr mit einem exquisiten Geschmack.

Es stellte sich heraus, dass unser neuer Freund eine der schillerndsten Gestalten des Buchmarkts war. Armin war eine jener Persönlichkeiten, die auf der Messe keine fünf Schritte gehen konnten, ohne angesprochen zu werden. Seine nicht minder schillernde Lebensgefährtin Rotraut Susanne Berner illustrierte höchst populäre Wimmelbücher, die von einigen scherzhaft »Pimmelbücher« genannt wurden, da sich in jedem Buch ein nackter Junge verbarg. Das sorgte bei den prüden Amerikanern sogar für einen Eklat. Außerdem tauchte in ihren Büchern oft ein Brillenträger mit weißem Vollbart auf, der eine nicht zufällige Ähnlichkeit mit ihrem Partner besaß.

Armins Lieblingskind waren die »Tollen Hefte«, die er für die Büchergilde herausgab, eine mustergültige Reihe, die auch international ihresgleichen sucht. Für einen Künstler kam das Angebot, ein »tolles Heft« zu illustrieren, einem Ritterschlag gleich. Um vielversprechende Illustratoren aufzuspüren, war Armin keine Reise zu weit. Für einen Mann, der auf die 70 zuging, verfügte er über eine enorme Energie.

In den nächsten Jahren gehörte ein gemeinsames Treffen auf jeder Leipziger und Frankfurter Buchmesse quasi zum Pflichtprogramm. Zuerst war ich dabei nur ein Zaungast, während Holger und Armin ein gemeinsames Projekt in der Mache hatten, das, wie sich unglücklicherweise herausstellen sollte, im Sande verlief. Doch dies tat unserer Freundschaft keinen Abbruch.

Ein Gespräch mit Armin war wie eine Wundertüte – ganz wie sein ewig präsenter Rucksack, der stets mit interessanten Büchern oder Grafiken gefüllt war, von denen er uns vorschwärmte. Ständig berichtete er von neuen Talenten, die er zum Beispiel in New York auf einer Party von Art Spiegelman entdeckt hatte. Er führte schon ein abwechslungsreiches Leben. Heute in Los Angeles, morgen auf der Kinderbuchmesse in Bologna. Zu jedem Autor, jedem Buch, konnte er eine amüsante Geschichte beisteuern.

Legendär war auch unser Treffen mit T.C. Boyle, der vor drei Jahren mit seiner Tochter Leipzig besuchte. Natürlich war Armin ein alter Freund der Familie, was die etwas steife Atmosphäre sehr entspannte. Es war ein weiterer denkwürdiger Abend, den Holger Reichard, geistesgegenwärtig wie immer, auf einem Foto verewigte.

»Na Jungs, was gibt’s Neues?«, fragte er Holger und mich bei jedem Treffen erwartungsfroh. Bei so viel Tatendrang konnte man schon Schuldgefühle bekommen, wenn man grad kein neues Projekt am Start hatte. Oft beschlich mich das ungute Gefühl, dass wir die Alten waren, und er der junge Hüpfer. Als er auch noch ankündigte, in seiner Heimat München eine Galerie zu eröffnen, staunten wir nicht schlecht.

Vor einiger Zeit jedoch riss der Kontakt ab. Wir schrieben es seinem Arbeitspensum zu. Doch dann kam überraschend ein Lebenszeichen. Armin hatte eine Chemotherapie überstanden und freute sich auf ein Aufleben unserer rituellen Kaffeerunde. Es sollte nicht dazu kommen. Am 24. Juli 2012 verstarb er. Es ist vielleicht nicht so wichtig, wie lange man einen Menschen gekannt hat, sondern wie sehr man ihn vermisst. Die Buchmesse wird ohne Armin Abmeier jedenfalls nicht mehr dieselbe sein.

lbm12_01Wenn ein wortmax auf Reisen geht, muss die Sonne scheinen und gerade irgendwo eine Veranstaltung stattfinden, die mit Büchern zu tun hat. So wie letzte Woche, als die Sonne schien und in Leipzig eine Veranstaltung stattfand, die mit Büchern zu tun hatte. Mit vielen Büchern. Richtig! Die Leipziger Buchmesse hatte wieder einmal ihre Tore geöffnet, und alle waren sie gekommen, die Rogers und die Dieters und die Henryks und auch der wortmax.

Nur mein treuer Messebegleiter, Herr Weyershausen, konnte dieses Mal nicht dabei sein. Er war wegen eines arbeitsintensiven Buchprojekts an seinen Zeichentisch gefesselt und hatte zu zeichnen und zu zeichnen, statt gemeinsam mit mir die Keksschalen der uns (noch) wohl gesonnenen Verlage zu plündern und des Abends in pseudo-literarischer Atmosphäre über eine leckere Thomaskirchen-Pizza herzufallen. Der arme Kerl, er hat was verpasst.

lbm12_02Luzia Braun zum Beispiel. Die Moderation von ZDF-Aspekte hat sie unlängst abgegeben, aber auf dem Blauen Sofa kann man sie noch sehen. In diesem Frühjahr teilte sie das berühmte Sitzmöbel u. a. mit der Radiomoderatorin Marion Brasch, der ich im Mai 2005 schon einmal zugehört hatte, als sie zusammen mit T.C. Boyle und Jan-Josef Liefers die Berliner Kulturbrauerei rockte. Nun hat sie selbst ihren ersten Roman veröffentlicht, »Ab jetzt ist Ruhe« (Verlag S. Fischer), in dem sie in fiktiver Ausschmückung die nicht unspannende Geschichte ihrer Familie erzählt. Das Werk liegt ziemlich weit oben auf dem Stapel mit Büchern, die ich gerne lesen und für den Boylevard besprechen möchte.

Verpasst hat Herr Weyershausen auch den würzigen Sauvignon Blanc und die köstlichen Mini-Waffeln mit Käsefüllung, die am Stand der Frankfurter Buchmesse serviert wurden. Nein, keine Bange, ich berichte hier nicht von der Grünen Woche, sondern immer noch von der Leipziger Buchmesse, wo der große Buchmessenbruder aus Frankfurt sein nächstes Gastland vorstellte: Neuseeland. Wie ich jetzt weiß, sind die Neuseeländer bekannt für ihren würzigen Sauvignon Blanc und für köstliche Mini-Waffeln mit Käsefüllung. Und ab Herbst, wenn über die Büchershow in Frankfurt berichtet wird, vielleicht auch für ihre Literatur.

Jedenfalls hielt ich es für angebracht, einen Tag später noch einmal bei den gastfreundlichen »Kiwis« vorbeizuschauen und den Autoren Elizabeth Knox und Damien Wilkins zuzuhören, die über ihre Werke und die Literatur in Neuseeland sprachen. Was sie erzählten (bzw. was ich ohne die Unterstützung der über Kopfhörer mitplappernden Simultandolmetscher verstehen konnte), machte neugierig. Man darf gespannt sein, wie sich das Land vom anderen Ende der Welt in Frankfurt präsentieren wird.

Mein lieber Freund Stefan meinte ja (während wir gemeinsam die käsegefüllten Mini-Waffeln futterten und uns eine exotisch aussehende Dame noch einmal ordentlich nachschenkte), Neuseeland sei einst die Strafkolonie der Australier gewesen. Ein böser Witz. Ein sehr böser Witz.

Aber so sind sie, die Bewohner aus der Nachbarstadt: Kaum erreicht ihr Fußballteam mit viel Losglück mal ein europäisches Viertelfinale, schon werden sie überheblich. Doch es macht Spaß, ihnen dabei zuzusehen – wissend: Hochmut kommt vor dem Fall -, und so fand ich mich am Donnerstagabend zunächst in einer Sportsbar wieder und drückte zum ersten Mal in meinem Leben heimlich einer belgischen Fußballmannschaft die Daumen.

Danach ging es zu viert ins Café Waldi, wo wir u.a. über die Gewinner des diesjährigen Preises der Leipziger Buchmesse spekulierten. Anders als beim Fußball legte mein lieber Freund Stefan hier viel Sachverstand an den Tag. Mit seinen Tipps in den Kategorien »Übersetzung« und »Essay/Sachbuch« lag er goldrichtig. Fachkundig stellte er mir auch eine neue Biersorte vor: den Augustiner Edelstoff. Hat lecker geschmeckt. Merkwürdig nur, dass das Getränk recht unedel in Flaschen serviert wurde.

lbm12_03Übrigens soll auch Henryk M. Broder im Café Waldi gewesen sein, angeblich direkt hinter meinem Rücken. Gern hätte ich gelauscht, was er so ganz ohne Mikros und Kameras im Schummerlicht einer kleinen Leipziger Lokalität von sich gibt. Doch als ich hörte: »Hey, war das eben nicht Henryk M. Broder?«, war er auch schon draußen und weg.

Also musste ich am nächsten Messetag zum Literaturkolloseum der Leipziger Volkszeitung latschen, um den streitbaren und streitlustigen Journalisten reden zu hören. Leider waren die hier eingenommen Plätze erneut eher ungünstig – mit dem Unterschied, dass Broder dieses Mal nicht hinter meinem Rücken saß, sondern ich hinter seinem. Aber was soll’s? Wichtiger ist ja, was vorne rauskommt, und nicht, was man von hinten sieht. Und hören, konnte ich Broder in der LVZ-Arena gut. Aber konnte ich ihn auch immer verstehen?

Am Freitagabend stand dann das erste offizielle tcboyle.de-Treffen auf dem Programm, in einem kleinen, gemütlichen italienischen Restaurant nahe des Hauptbahnhofs. Die Teilnehmer kamen aus Leipzig, Halle, Magdeburg, Braunschweig, Düsseldorf und dem Westerwald. Es war ein schöner Abend mit vielen interessanten Gesprächen – und sogar mit exklusiver Live-Musik.

lbm12_05Unter den Teilnehmern war nämlich auch Jurek, seines Zeichens Berufsmusiker. Als wir im Laufe des Abends thematisch von T.C. Boyle und seinen Romanen abwichen, was übrigens mehrfach geschah, und auf Woody Allen zu sprechen kamen, holte er auf einmal unaufgefordert seine Klarinette hervor und verwandelte das Restaurant Piccola mit zwei Jazzklassikern in Michael’s Pub.

Wiederholt bedauerte ich, dass Herr Weyershausen nicht dabei sein konnte. Denn nachdem wir bei einem Messebesuch in Frankfurt mal versehentlich in eine Bar geraten waren, in der Berufsmusiker in Smokings ihren Feierabend feierten, weiß ich, unser tcboyle.de-Abend hätte ihm gefallen. Und sicherlich auch die Party der jungen Verlage, die traditionell den Messefreitag beschließt und wo mir inzwischen regelmäßig der Herr Nagel über den Weg läuft. Dazu mein Tipp für alle Leserinnen und Leser dieses Blogs aus Braunschweig und Umgebung: Im April/Mai ist Nagel mit einer Ausstellung und Lesung im Café Riptide zu Gast. Ich werde auf jeden Fall vorbeischauen.

Besuche beim Hanser Verlag und Schwarzkopf & Schwarzkopf gehören wegen T.C. Boyle und der eigenen Bücher bei jeder Messe zur angenehmen Pflicht. Hier schaute ich am Samstag, den letzten Tag meines Aufenthalts in Leipzig, vorbei. Und ich traf mich mit Gilbert Dietrich, einem lieben Kollegen, den ich über die Websites kolumnen.de und tcboyle.de schon seit vielen Jahren kenne. Nur persönlich waren wir uns bisher noch nicht begegnet. Jetzt hat es endlich einmal geklappt. Eine gute Gelegenheit, auf sein philosophisches Webprojekt Geist und Gegenwart hinzuweisen, zumal dort das Lebensglück eine wichtige Rolle spielt, und davon können wir ja alle etwas gebrauchen.

lbm12_04War’s das? Nicht ganz! Auf Empfehlung meines lieben Freundes Stefan bin ich am Samstag noch zum Stand des Eulenspiegel Verlages gestiefelt, weil dort ein gewisser Morten Grunwald Bücher signierte, besser bekannt als Benny von der Olsenbande, ein Held meiner Kindheit. Ihn auf der Buchmesse anzutreffen, fand ich »mächtig gewaltig«.

Leider war es so gut wie unmöglich, an ein Autogramm zu kommen, und leider sieht Benny heute gar nicht mehr aus wie Benny, sondern eher wie Kjeld. Er hat auf der Buchmesse in Leipzig auch kein eigenes Buch signiert, sondern die Biografie seines 2004 verstorbenen Filmpartners Ove Sprogøe, besser bekannt als Egon Olsen. Der hatte in den Olsenbande-Filmen immer das, was mir bei meinen Besuchen auf Buchmessen oftmals fehlt: einen Plan!

Familienpizza in Leipzig

wortmax am 22. Februar 2012 in Leservat

Boyle in Leizpig 2009Nächste Woche ist es endlich wieder soweit: Der März beginnt. Bis die Bäume erblühen, dauert’s noch ein Weilchen, aber ich bekomme schon wieder Triebe. Denn die Leipziger Buchmesse steht vor der Tür. Juhu! Sie beginnt zwar erst am 15. März, doch die Vorfreude steigt.

Eine Veranstaltung nur für B-Promis und Schlagerstars von gestern, die sich verzweifelt um ein Comeback bemühen, ist die Frühjahrsbuchmesse schon längst nicht mehr. Zwar lässt sich die Gästeliste nicht mal ansatzweise mit der von den Messekollegen aus Frankfurt vergleichen, aber an bekannten literarischen Namen mangelt es nicht.

Aus dem Ausland haben sich unter anderem der Ire John Boyne (»Der Junge im gestreiften Pyjama«) sowie die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev (»Späte Liebe«) angekündigt. »National« werden wir Literaten wie Rafik Schami, Martin Walser, Daniel Glattauer oder Wladimir Kaminer begegnen. Auch der Ankermann der Tagesthemen, Tom Buhrow, ist dabei. Dieter Moor, Denis Scheck, Roger Willemsen sowieso. Und, beinahe hätte ich ihn vergessen, wortmax. Auch der kommt und freut sich auf ein Wiedersehen mit vielen geliebten Büchermenschen, beim Twittagessen, bei diversen Vorträgen, beim allabendlichen Weinausschank oder zwischendurch auf den Gängen. So groß ist das alles in Leipzig ja nicht.

Fettgedruckt auf der diesjährigen Agenda für Leipzig ist der Freitagabend. Dann nämlich wird es in einem schnieken italienischen Restaurant nach über neun Jahren virtueller Präsenz zum ersten offiziellen www.tcboyle.de-Treffen kommen. Es wird eine kleine, aber feine Runde. Wer daran teilnehmen möchte, kann sich gern bei mir melden, sollte sich aber beeilen, denn der Platz am reservierten Tisch ist begrenzt.

Gesprächsthemen haben wir reichlich. Denn der neue Roman von T.C. Boyle, »Wenn das Schlachten vorbei ist«, ist gerade erst erschienen. Die Website www.tcboyle.de präsentiert sich seit kurzem in einem neuen Gewand, und dann gibt es noch den Mai zu bequatschen, wenn Boyle nach zwei Jahren Abwesenheit wieder zu einer Lesereise nach Deutschland kommen wird.

Wer am Abend des 16. März 2012 andere Unterhaltung in Leipzig sucht, dem empfehle ich das unglaubliche Lesebühnenluderdreigestirn Jan-Uwe Fitz, Dirk Bernemann und Christian von Aster. Ab 20.00 Uhr blicken die drei vor sich hin mauschelnden Metaphoriker in MacCormacks Ballroom (Kurt-Eisner-Str. 43) über den eigenen Tellerand und – wie von Herrn Fitz aka @Vergraemer gewohnt – natürlich auch weit hinaus über die Grenzen des guten Geschmacks.

Meine Versuche, Herrn Fitz zu unserer leckeren Familienpizza einzuladen und seine eigene Lesung dafür einfach sausen zu lassen, sind leider gescheitert. Er leidet an einem Knick-Spreiz-Senkfuß, wie er sagt, kann sich nicht bewegen und sitzt daher schon jetzt – auf die ersten Gäste wartend – in MacCormacks Ballroom. Wäre also nicht schlecht, wenn dort mal der eine oder andere Orthopäde vorbeischaut.

edit: Weitere kuriose Veranstaltungen zur Leipziger Buchmesse, unter anderem auch Auftritte der Bumsdorfer Kollegen Axel Klingenberg, Marcel Pollex (Punchliner-Show) und Marc Domin (Crossover-Revierköter), findet Ihr auf unserer Terminseite.

Social Dingsbums in voller Blüte

wortmax am 19. Oktober 2011 in Reisenotizen

fbm11_02Die meisten Menschen, die ich kenne, unterteilen das Jahr nach den Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Autoren und Verlagsmenschen ticken vielfach anders. Für sie beginnt das Jahr erst im März: mit der Frühjahrsbuchmesse in Leipzig. Zu Ende geht es für sie nicht mit Silvester oder Weihnachten, sondern schon ein paar Wochen vorher, im Oktober, mit der Herbstbuchmesse in Frankfurt.

Während der Buchmessen stehen diese Menschen in voller Blüte, in der Zeit dazwischen wurschteln sie relativ lautlos vor sich hin, oftmals nach dem Motto »Muss ja«. Und wer weiß? Vielleicht gehöre ich inzwischen auch zu diesem sonderbaren Menschenschlag.

Zum Glück war es letzte Woche wieder soweit: Das Jahr ging zu Ende. Die Ausstellungs- und Messe GmbH des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels lud ein zur großen Bücherschau 2011 in Frankfurt. Rund 283.000 Menschen folgten der Einladung. Ich war einer von ihnen. Aus fünf guten Gründen.

1. Runter vom Bürostuhl, rein in die Messehalle

Autoren und Freelancer führen in der Regel ein ziemlich einsames Leben. Natürlich haben sie ihre Termine, Lesungen oder Präsentationen, ihre Stammtische, Bildungsreisen und andere Exkursionen. Einen Großteil ihrer Zeit allerdings arbeiten sie allein in ihren Ateliers und Home Offices und erleben Gesellschaft nur virtuell.

Die Buchmessen bilden da ein echtes Kontrastprogramm. Hier können die »Isolierten« in wenigen Tagen aufholen, was sie zuvor in fünf, sechs Monaten versäumt haben. Kontakte knüpfen und pflegen, sich dabei in die Augen schauen, plaudern, diskutieren, zum Kaffeee einladen, zum Kaffee eingeladen werden etc. Mein lieber Kollege Karsten Weyershausen stellte bei einer unserer nächtlichen Küchenpartys eine steile These auf. Er behauptete, ein Buchmessenbesuch ersetze in vielen Fällen die fehlende Bürogemeinschaft. Ich wollte ihm nicht widersprechen.

2. T.C. Boyle – What’s New?

Als Betreiber von www.tcboyle.de ist T.C. Boyle nach wie vor einer der Hauptgründe, warum ich Halbjahr für Halbjahr zur Buchmesse fahre. Wenn es etwas Neues über den von mir verehrten Schriftsteller gibt, erfährt man es in Leipzig oder Frankfurt zuerst. Okay, nicht immer, aber immer öfter.

Dieses Mal habe ich in Erfahrung bringen können, dass a. ) Boyles neuer Roman »When the Killing’s Done« bereits im Januar 2012 auf deutsch erscheint; b.) er bei seiner Lesereise durch Deutschland im Mai 2012 auch in kleineren Städten wie Freiburg oder Koblenz gastieren wird; c.) es eine neue Veranstaltungsreihe von der Kulturstiftung des Bundes in Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag gibt, in der Boyle und sein neues Werk involviert sind; und d.) dass man am Stand des Hanser Verlages einen Kaffee serviert bekommt bzw. Coffee to go (je nachdem, wie voll es dort ist).

Ein besonderes Highlight in Sachen Boyle bot der Freitag, als es zu einem knapp zweistündigen Treffen mit dem Übersetzer Dirk van Gunsteren (Boyle, Pynchon, Roth, McCann usw.) kam. Es ist immer wieder spannend, Einblicke in die Arbeit von Literaturübersetzern zu bekommen, vor allem dann, wenn einem die Hintergründe von so sympathischen Menschen wie Dirk van Gunsteren erklärt werden.

Nicht weniger erfreuliche Treffen mit treuen Mitgliedern des tcboyle.de-Forums rundeten meine Boyle-Mission in Frankfurt ab. Gut, dass T.C. Boyle selbst nicht auf der Messe war. Für ihn hätte ich bei meinem vollen Terminplan gar keine Zeit gehabt.

3. Buchmessenbesucher im Klimakterium

Kollege Weyershausen meint ja immer, ich solle mich mehr um die eigene Autorenkarriere kümmern, statt einen Millionär in Kalifornien noch reicher zu machen, als er schon ist. Daran wollte ich mich dieses Mal halten, und ja, Herr Weyershausen hat recht: Wenn man einen neuen Buchvertrag in der Tasche hat, macht so eine Buchmesse gleich noch viel mehr Spaß.

Nicht missen möchte ich daher unseren Besuch beim Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, wo man nicht nur junge Sex-Göttinnen verlegt, sondern auch ältere Männer, die sich bereits in den Wechseljahren sehen. Dieses Jahr haben wir am Tisch des Verlegers Platz genommen, im nächsten Herbst dann hoffentlich wieder auch im Regal mit den Neuerscheinungen.

Und wehe, es macht mir jemand meine Midlife-Krise kaputt und behauptet, ich habe gar keine. Haha! So wie ich auf der Messe geschwitzt habe, muss das etwas mit den Wechseljahren zu tun haben, und nicht mit dem ewigen Hin- und Hergelatsche zwischen den Hallen 3, 4 und 6. Denn was Letzteres betrifft, bin ich nach sieben Messejahren in Folge wirklich gut konditioniert.

4. Die Twitter-Rasselbande

Keine Buchmesse ohne Twittagessen. Die twitternden Büchermenschen sind längst wie eine große Familie – und der Schrecken der Messegastronomie. Denn für über 50 Leute kann man keine Tische mehr reservieren, sondern nur ein Lokal komplett stürmen und alle Menschen ohne Smartphone mit Twitter-App rausschmeißen. Soweit ist es (noch) nicht gekommen. Vielleicht nächtes Jahr. 2012. Nach dem Kalendersystem der Maya soll dann die Welt untergehen, gemeint ist vielleicht aber auch nur ein Twittagessen, das aus allen Nähten platzt.

2011 traf sich die »Twitter-Rasselbande« wie im Vorjahr vor den Imbissbuden im Innenhof. Unmöglich, sich in nur einer Stunde mit allen Teilnehmern über 140 Zeichen hinaus zu unterhalten. Es sind einzelne und immer wieder andere nette Menschen, mit denen sich plötzlich längere, inspirierende Gespräche ergeben. In diesem Jahr u.a. – längst überfällig – mit @demipress, @emju und der Literaturblog-Kollegin @Buchgefluester.

5. Social Dingsbums

Der fünfte und wahrscheinlich nicht der letzte Grund, warum ich gern zur Buchmesse fahre, sind die Vortragsangebote im Bereich Social Dingsbums. Ja. Keine Ahnung, wie der richtige Überbegriff lautet. Den Begriff Social Media sollte man umgehen, wie ich seit Leander Wattigs Bullshit-Bingo weiß.

Was ich meine, sind Vorträge, Präsentationen und Gesprächsrunden für Menschen, die was mit Büchern machen, die über die Digitalisierung der Bücherwelt referieren und nachdenken und über die Bücherwelt im Internet, und die selbst zumindest einen Facebook-Account besitzen, der sich idealerweise weitgehend mit Büchern beschäftigt. Dass hier das Informationsangebot immer größer wird, haben wir Koryphäen wie Wibke Ladwig, Leander Wattig oder Holger Ehling zu verdanken. Oder auch umtriebigen Teams wie das von Bookrix, das früher mal, so vermute ich, in der Glückskeksbranche tätig war.

Nicht alles ist für jeden interessant, nicht jeder Vortrag gelungen. Doch die Veranstaltungen reihen sich mittlerweile im Viertelstundentakt aneinander, sodass man weniger Ansprechendes für kurze Gedanken- oder Plauschpausen nutzen kann und nicht lange warten muss, bis ein anderer Redner etwas Interessanteres zu erzählen weiß oder mit einem Kokolores-Button das Herz des wissbegierigen Messebesuchers gewinnt.

Mein persönliches Fazit

Noch nie hat die Buchmesse in Frankfurt so viel Spaß gemacht wie heute. Kritikern, die behaupten, das Buch an sich gerate immer mehr in den Hintergrund, kann ich nicht zustimmen. Bücher werden auf neue Art hergestellt, vertrieben und gelesen, und es wird anders darüber kommuniziert. Die Frankfurter Buchmesse spiegelt diese Entwicklung wider, das ist ihre Aufgabe. Unter anderem. Sie befindet sich also auf einem guten Weg. Ein weiterer Beleg dafür: Roger Willemsen sichtete ich in diesem Jahr gleich dreimal. Und ja, solange Roger Willemsen in Frankfurt unsere Wege kreuzt, müssen wir uns weder um ihn noch um die Buchmesse irgendwelche Sorgen machen.

»So out wie ein Faxgerät«

wortmax am 16. Mai 2011 in Netzball

faxLetzte Woche veröffentliche die bekannte Schriftstellerin, Journalistin, Fernsehmoderatorin und Twitter-Ikone(?) Else Buschheuer auf den Seiten der Berliner Zeitung einen lesenswerten Artikel, in dem sie verkündet, dass ihre Website – www.else-buschheuer.de – ab sofort geschlossen ist. Sie erklärt in dem Artikel auch, warum: »Ich führte seit Jahren Besucher durch eine Wohnung, die niemand mehr bewohnte.«

Else Buschheuer hat sich im Laufe der Jahre verändert und festgestellt, dass ihre Website nicht mehr das repräsentiert, was sie heute ist und wie sie sich heute sieht. Man kann ihr dazu nur gratulieren. Ich finde, es ist ein gutes Zeichen, wenn man sich irgendwann nicht mehr mit dem identifizieren kann, was man vor fünf oder zehn Jahren gemacht hat. Es zeigt: Man ist noch am Leben, es passiert noch etwas, und es bleibt spannend.

Auch wenn sich die Dinge nicht immer gleich zum Besseren wenden: Schlimmer wäre der absolute Stillstand. Oder man würde das, was man macht, ständig nur verbessern wollen. Der von mir verehrte Volker Remy (siehe auch Blogroll) bezeichnet Optimierung in seinem Buch »Der Imperator im Damensattel« provozierend als Leichenschändung und zitiert Graf Dracula: »Wenn sich etwas nicht mehr bewegt, ist es möglicherweise tot.«

Als ich den Artikel von Frau Buschheuer las, musste ich über www.wortmax.de nachdenken. Die Domain wurde ursprünglich angemeldet, um als Werbetexter im Web präsent zu sein. Doch dann kam alles ganz anders. Statt einer eigenen 08/15-Online-Visitenkarte (meine Vita, meine Leistungen, meine Referenzen) wurde wortmax.de für mehrere Jahre zu einem Treffpunkt für Fans des Computerspiels Starship Titanic von Douglas Adams – bis sich auf den Seiten nichts mehr bewegte.

wortmax.de hat sich danach in ein kleines Autorennetzwerk verwandelt, wurde um diesen Blog ergänzt und ist seit 2009 auch virtueller Anlaufpunkt für die Freundinnen und Freunde der Braunschweiger Lesebühne »Bumsdorfer Auslese«. Kommenden Freitag gibt es die achte Ausgabe dieser Veranstaltung. Vielleicht werden wir danach wissen, wie es um die Zukunft von wortmax.de bestellt sein könnte. Denn das vorgegebene Thema lautet: »Bumsdorf in 50 Jahren«.

Um die Zukunft einer anderen von wortmax-Autoren betreuten Website geht es heute abend, wenn wir www.tcboyle.de vor ca. 40, 50 Webexperten auf dem 2. Braunschweiger Webmontag vorstellen. Der Vortrag ist gegliedert in drei Kapitel: Entstehung der Website, Erfahrungen mit der Website und Zukunft der Website. Hinter dem dritten Kapitel steht ein dickes Fragezeichen. Ich hoffe auf Anregungen, die über eine »Leichenschändung« hinausgehen …

Else Buschheuer schreibt am Ende ihres Artikels: »Vielleicht ist die Zeit der persönlichen Websites überhaupt vorbei. Vielleicht sind Websites out, so wie ein Faxgerät, so wie ein Festnetzanschluss. Soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook haben die gute alte Homepage abgelöst.«

Gut möglich, dass persönliche Websites bereits ihrem Ende entgegen taumeln. Es lohnt sich, darüber nachzudenken und dabei ruhig auch mal das Haltbarkeitsdatum von Twitter und Facebook zu hinterfragen.

Letzten Donnerstag, als Dr. Gerald Fricke in den Räumlichkeiten der Evangelischen Studierendengemeinde in Braunschweig über »unseren« Weg in die Webgesellschaft referierte, meinte jemand, die große Zeit von Twitter sei vorüber. Ich habe dem nicht zugestimmt, wollte aber auch nicht widersprechen.

Ernährungsbewusstlosigkeit

wortmax am 4. November 2010 in Befindlichkeiten

haekelschweinVergangene Woche drehte sich im Rahmen der ARD-Themenwoche alles um die Ernährung. Auf allen Sendern der öffentlich-rechtlichen Kochanstalt glühten die Herdplatten. Eine der wesentlichen Fragen lautete: Macht uns unsere Ernährung fit, schön, krank oder dick? Die Antwort darauf ist einfach und stammt von Voltaire: »In der einen Hälfte unseres Lebens opfern wir unsere Gesundheit, um Geld zu erwerben. In der anderen Hälfte opfern wir Geld, um die Gesundheit wiederzuerlangen.«

Mit anderen Worten: Ernährungsbewusstsein ist eine Frage der Zeit.

Um dies zu unterstreichen, ziehe ich heute zwei Texte für Euch aus der Küchenschublade. Beim ersten Text handelt es sich um ein Essay von T.C. Boyle. Der Schriftsteller war von einem Freund darum gebeten worden, über die schlimmste Mahlzeit seiner Kindheit zu schreiben. Das hat er getan. Und Sabine Anders hat den Text mit Boyles freundlicher Genehmigung ins Deutsche übersetzt. Ihr findet ihn auf den Seiten von www.tcboyle.de.

Der zweite Text stammt von mir. Ich hatte mich damit für »Die Sendung, die Sie sich schenken können« beworben, die jedes Jahr zu Weihnachten im WDR-Hörfunk ausgestrahlt wird. Auch hier ging’s ums Essen. Die Idee war, überspitzt die Ernährung eines Junggesellen darzustellen, der gerade das Hotel Mama verlassen hat und vorher nie für sich kochen musste.

Macht Euch keine Sorgen um mich, die unten skizzierte Woche ist nur ansatzweise autobiographisch. Vom WDR wurde der Text leider nicht genommen. Ich vermute, er war der Redaktion zu unappetitlich. Aber urteilt selbst:

Ernährungsbewusstlosigkeit

Montag: Endlich ist es soweit: Ich stehe auf eigenen Füßen. Mein Kopf schweigt vor lauter Freude, der Magen rebelliert. Ich muss dringend Einkaufen gehen. Dabei versuche ich nicht an Morgen zu denken, sondern bis nächsten Sonntag. Das Laufband an der Kasse bringt mich meinem ersten Abend in Freiheit näher. Ruckartig. Ich lege eine Tiefkühlpizza auf das zappelnde Gummi. Außerdem einen Eimer Krautsalat und ein paar Pepperoni. Es soll ein Festessen geben. Ich packe deshalb noch schnell eine Tüte Kartoffelchips dazu. Die Kassiererin grinst. So einen wie mich sieht sie nicht alle Tage, oder doch?

Dienstag: Keine Zeit. Zum Frühstück nur ein Schokoriegel. Mittags Phosphat: Currywurst mit zweimal Pommes. Abends den Rest der Kartoffelchips und eine Flasche lieblichen französischen Weißwein. Der schmeckt irgendwie nicht, war aber billig. Ich beschließe den zweiten Tag meines heiteren Junggesellenlebens mit Sodbrennen.

Mittwoch: Das Sodbrennen lässt nach. Der Hunger kehrt zurück. Ich brate mir vier Kartoffelpuffer und beschmiere sie fingerdick mit Remoulade. Die aus der Tube schmeckt besser als die aus dem Glas. Aber es fehlt noch etwas: auf jeden Puffer eine Scheibe Kochschinken, eine Käsescheiblette – und ein Spiegelei. Fertig! Stolz bewundere ich meine vier Cholesterinbomben. Ich esse sie auch, schaue nebenbei Fußball im Fernsehen – und brauche später dringend einen Ouzo.

Donnerstag: Schon wieder hektisch. Tagsüber nur zwei Rumkugeln. Abends entdecke ich die Nudeln. In der untersten Schublade. Wo sonst? Es sind Trulli-Nudeln. Sie lachen mich an, vielleicht auch aus. Champignons sind noch da. Frische in einer blauen Plastikschale, aber auch dritte Wahl in der Dose. Ich entscheide mich für die Dose. Das geht schneller. Doch schon wieder fehlt etwas. Die übrig gebliebenen Käsescheibletten habe ich am Vortag vernascht. Also nur Nudeln und Pilze. Nur Nudeln und Pilze? Ich schaue ein zweites Mal in den Kühlschrank, improvisiere mit Camenbert und Fondor. Alles in einen Topf? Warum nicht? Das bedeutet weniger Abwasch. Ich muss nur heftiger rühren. Es schmeckt. Einanderthalb Liter Cola helfen mir am späten Abend bei der Verdauung. Danke, liebe Cola.

Freitag: Wochenende. Freizeit. Party! Morgens Brötchen, abends Bier, dazwischen ein Pott Hühnersuppe. Das Leben kann so einfach sein.

Samstag: Damenbesuch. Auweia! Jetzt ein Südländer sein. Ich nehme ein Toastbroat und schneide die einzelnen Scheiben in Hälften. Ich bestreiche sie zärtlich mit Tomatenmark, lege sanft Mozarella darauf und würze die Schnitten mit schwarzen Industriepfeffer und Oregano. Danach ab in den Ofen, auf den Tisch und ins Bett. Was man nicht alles in Italien lernt!

Sonntag: Eine harte Woche liegt hinter mir. Deshalb heute etwas Besonderes: eine Champignonpfanne, wie ich sie vor vielen Jahren in einer Kneipe in Kiel serviert bekam. Stundenlang hatte ich auf den Wirt eingeredet, bis er mir endlich das Rezept verriet. Heute krame ich es hervor. Nur für mich. Diese Zeit muss sein – an einem Sonntag. Ich werfe die inzwischen nicht mehr ganz so frischen Champignons aus der blauen Plastikschale in eine Pfanne mit Öl, gieße später Sahne hinzu und lasse die Pilze darin eine Weile köcheln. Eine Herdplatte weiter schmeiße ich ein großes Stück Gorgonzola in einen Topf mit Sauce Hollandaise und erhitze das Ganze. Zu guter Letzt schöpfe ich die Champignons aus der Pfanne und lege sie auf einen tiefen Teller. Darüber gieße ich die zähflüssige Sauce Hollandaise mit dem darin aufgeweichten Gorgonzola. Ein mit Kräuterbutter bestrichenes Ciabatta, eine kleine Schüssel Mais-Porree-Salat sowie zwei Flaschen Bier stehen bereits auf dem Tisch. Prima! Fein! Guten Appetit! Lass es dir schmecken!

Ein paar Stunden später, so gegen halb eins in der Nacht, bekomme ich plötzlich heftige Bauchschmerzen – und ein schlechtes Gewissen. Wenn ich mich weiter so ernähre, werde ich bestimmt zu dick.

PS: Das süße Häkelschwein gibt’s übrigens hier.

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Frühling in Frankfurt

wortmax am 13. Oktober 2010 in Reisenotizen

fbm2010Dicke Jacken, graue Bahnhöfe, nasskaltes Wetter, Schweinegrippe. Meteorologisch gesehen waren die Buchmessen in Frankfurt selten ein Vergnügen. Doch in diesem Jahr war es anders. Milde 20 Grad, Sonnenschein, viele bunte Bäumchen. Und auch was die Gespräche und Begegnungen auf der Messe betrifft, konnte man dieses Mal echte Frühlingsgefühle bekommen.

Angereist war ich wie immer mit dem Cartoonistenfreund Karsten Weyershausen, und zwar entgegen der ursprünglichen Planung schon am Dienstagabend. Es war der einzige Abend, an dem wir unsere lieben Gastgeber in Friedberg zum traditionellen Buchmessen-Eröffnungsessen beim Griechen einladen konnten. Dem Wirt, so erfuhren wir, ging es gesundheitlich leider gar nicht gut, der überbackene Schafskäse schmeckte jedoch wie immer – hervorragend.

Um die Mittagszeit herum standen sowohl am Mittwoch als auch am Donnerstag interessante Vorträge zu den Themen Buchcamp und Social Media an. Viel Neues erfuhr ich dort nicht, was aber vor allem darauf zurückzuführen ist, dass mir diese Welten schon ein wenig vertraut sind. Den Nutzen dieser Veranstaltungen für mich selbst sah ich eher darin, Bestätigung zu erfahren und endlich einige liebgewonnene Follower und Freunde von Twitter und Facebook persönlich kennenzulernen.

Vor zwei, drei Jahren sah alles noch ganz anders aus. Ich erinnere mich daran, wie ich auf der Buchmesse den Themenbereich »Neue Medien« in nur einer Stunde abhaken konnte, weil er im wesentlichen darin bestand, dass mir zwei arrogante WDR-Rundfunkmoderatoren, deren Namen ich glücklicherweise längst vergessen habe, mit genervter Stimme erklärten, Audio-Podcasts seien nur etwas für ausgebildete Hörfunk-Profis. Alle anderen sollten gefälligst die Finger davon lassen.

Die Zeiten haben sich geändert. Während ich die Frankfurter Buchmesse in den vergangenen Jahren ausschließlich wegen www.tcboyle.de und eigenen Publikationsmöglichkeiten besuchte, drehte sich für mich im Herbst 2010 alles ums Social Web, und zwar so vehement, dass man den Begriff »Social Web« am Ende von drei erlebnisreichen Messetagen – auf der Party der jungen Verlage – gar nicht mehr in den Mund nehmen wollte.

Ich werde eine kleine Pause benötigen, dann aber die zahlreichen interessanten und wunderbar inspirierenden Gespräche mit Wibke Ladwig, Carsten Raimann, Carsten Tergast, Richard K. Breuer, Marvin Kleinemeier und vielen anderen sympathischen Büchermenschen mindestens ebenso zu schätzen wissen wie das leider viel zu kurze Wiedersehen mit alten Freunden und Bekannten, wie z. B. der Papier- und Buchkünstlerin Marlis Maehrle oder dem tollen Herausgeber Armin Abmeier, der übrigens Anfang des Jahres in München eine neue tolle Galerie eröffnet hat.

Sehr schön auch die doppelte Portion Michaela von Aichberger, besser bekannt als @frauenfuss, die ich auf ihrer Ausstellung »Ich male meine Follower« im Kölner Kulturbunker, im Dezember 2009, kennengelernt und das letzte Mal gesehen hatte. Damit sie mich in Frankfurt nicht übersieht, hatte ich mich extra in ihr »Holger-die-Waldfee-Shirt« geworfen. Es hat gewirkt: Am Mittwoch plauderten wir über eine Stunde lang im Café Filu, und am Freitag tauchte sie dann noch ein weiteres Mal auf, bei der Krönung von Miss und Mister Book Fair, die ich mit einer kleinen Rede eröffnen durfte.

Die Wahl von Wibke Ladwig und Philipp »DonBrandy« Weinbrenner zu Miss und Mister Book Fair 2010 war für mich schließlich auch der Höhepunkt der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Dafür möchte ich mich bedanken, bei allen Kollegen im Organisationsteam, insbesondere bei Gesine von Prittwitz und Stefan Möller, sowie bei allen Kandidatinnen, Kandidaten und Facebook-Freunden, ohne die aus der spontanen Aktion nie so ein Mordsspaß geworden wäre, der überdies einige Beachtung in Medien und Blogosphäre fand: Bayerischer Rundfunk, Frankfurter Buchmesse, Lesekreis und viele mehr berichteten …

Fazit: Wenn sich auf der Frankfurter Buchmesse 2011 ähnliche Gesprächs- und Kontaktmöglichkeiten ergeben, werde ich arge Zeitprobleme bekommen. Denn wahrscheinlich wird dann auch T.C. Boyle auf der Messe sein und meine Agenda nicht unerheblich mitgestalten. Wie ich das dann alles in drei Messetagen schaffen soll, ist mir ein Rätsel. Hilfreich vielleicht, dass Eckart von Hirschhausen mich am Messe-Donnerstag beim feierabendlichen Getränke-Ausschank zwischen Kunstmann und Wagenbach Verlag angerempelt hat. Man sagte mir, das soll Glück bringen.

New Jörg Times

wortmax am 6. August 2010 in HiStory

JorgedeeÜber ein Jahrzehnt bin ich nun schon in den Weiten des Internets unterwegs und habe in diesem Zeitraum eine Vielzahl an interessanten Menschen kennengelernt, zunächst in diversen Foren oder per E-Mail, später auch im realen Leben. Nicht wenige, sehr enge Freundschaften sind daraus entstanden.

Zu den faszinierendsten und zugleich sympathischsten Persönlichkeiten, die ich kennenlernte, oder besser gesagt: kennenlernen durfte, gehört zweifellos Jörg »Jorgedee« Dreisörner. Unsere Wege kreuzten sich erstmals vor ca. sieben Jahren im Forum der Website von T.C. Boyle.

Als wir 2005 auf unserer deutschsprachigen Boyle-Website den 2. »Being Boyle« Kurzgeschichtenwettbewerb durchführten, war Jorgedee einer der Teilnehmer. »Backpfeife für Goebbels« lautete sein Beitrag. Die Geschichte hielt, was der Titel versprach und begann so:

Das Leben war ein feuchtes Taschentuch, das den guten Zeiten nachweinte, als Smitty dem London-Express entstieg und zwei Nazi-Agenten aus einer Wolke Wasserdampf traten, um ihn übergangslos in ihre Mitte zu schließen, Metropolis Style.

Was ich weder wusste noch ahnte: Die Geschichte von »Onkel Smitty« scheint ein Teil der Lebensgeschichte von Jorgedee zu sein. Er selbst führte später ein Aussteiger-Leben, ein Beat-Leben, und begegnete Personen wie David Bowie, Meat Loaf, Andy Warhol oder auch Allan Ginsberg, dem er die Weihnachtskekse seiner Mutter anbot.

Und Jorgedee malte: auf New Yorks Straßen, für bekannte Theaterproduktionen und berühmte Studios, für das Native American Theatre Ensemble, Aquarius, Rauschenberg, Lichtenstein und viele andere. Zentrales Thema seiner Bilder (aus guten, mit seinem Leben eng in Zusammenhang stehenden Gründen): Indianer, indianische Kultur und indianisches Leben.

Die E-Mails, die ich von Jorgedee erhielt, seine wenigen Geschichten, die ich las, seine Bilder, die er auf unseren Internetseiten veröffentlichte, und eine Kurz-Kurzvita, die er den Bildern beipackte, ließen erahnen, dass er ein ebenso bewegtes wie bewegendes Leben hinter sich hat. Tiefere Einblicke in dieses Leben bekam ich jedoch erst zu Beginn des Jahres bzw. hätte sie bekommen können, als er mir das im Selbstverlag veröffentlichte Buch »Gringo« schickte – seine Lebensgeschichte, erzählt im Jorgedee-Stil, einzigartig und unnachahmlich.

Gelesen habe ich sein Buch dummer- und unverzeihlicherweise erst vor drei Wochen, als mich ein heftiges Gewitter dazu zwang, den Computer einen Abend lang auszuschalten. Leider konnte ich Jorgedee meine Eindrücke nicht mehr mitteilen, denn kurz nachdem ich den Buchdeckel zugeschlagen hatte, erhielt ich die Nachricht: Ya’ at’ eeh’ one more time. A great spirit stopped dancing on our planet. Jorge decided to go on July 14th. He was in great spirits and transcended with dignity.

Zum Andenken an Jörg Dreisörner findet an diesem Samstag, den 7. August 2010, um 15 Uhr, eine Finissage statt. In Rumpelstilz‘ Brauscheune in Krummenhagen (Nordvorpommern).

Neues vom Straßenrand der Datenautobahn 10

Weyershausen am 1. März 2010 in Netzball

T.C. BoyleZur Einleitung meiner neuen Webtipps eine kleine Karikatur, die ich in wenigen Minuten spontan mit Copic-Markern, einem Buntstift und Tipp-Ex hingeschmiert habe. Mir gefällt besonders, dass man sogar noch die Bleistiftstriche sieht. Wer der komische Kauz ist? Nun, ein amerikanischer Schriftsteller, der gern Wassermusik hört.

Nun aber zu den Webtipps: Obwohl ich eigentlich gar keine Zeit habe, sind mir auch in der letzten Woche wieder einige Seiten begegnet, die zu interessant sind, um sie meinen Mitmenschen vorzuenthalten. Wer produziert eigentlich diese verborgenen Schätze?

Neulich, als ich mit ein paar Freunden ein Bier trank, überlegte ich noch laut, dass Menschen, die sich Tag für Tag die Mühe machen, einen neuen Blog-Eintrag zu schreiben, ganz schön einsam sein müssen – denn: Wer hat so viel Zeit? Wohl nur Arbeitslose, Rentner, Millionäre oder Menschen, die kein Leben haben. Gott segne sie, die armen gepeinigten Seelen (die Millionäre vielleicht etwas weniger)!

Famose Visagen

Auf den Seiten eines Blogs mit dem wohlklingenden Titel »Hey, Oscar Wilde! It’s Clobbering Time!!!« findet man etliche Portraits und Karikaturen bekannter Schriftsteller, die von teils nicht minder bekannten Illustratoren und Cartoonisten verewigt wurden. Natürlich zeichnet ein Jeder gern seinen Lieblingsautor. Deshalb findet man auch ganz viele Edgar Allen Poes, Dashiell Hammetts und Raymond Chandlers, aber keine Barbara Cartland. Na sowas!

Bunte Brillen

Los, kramt Eure vermoderten 3D-Brillen raus! Durch Zufall endeckte ich auf flickr ein tolles Album mit vielen Dreidimensionalen Bildern aus der Vergangenheit. Obwohl es ein Gimmick ist, das schnell langweilig wird, haben dreidimensionale Aufnahmen immer einen besonderen Reiz. Stummfilmkomiker Harold Lloyd fand dies übrigens auch und knipste in seiner Freizeit am liebsten 3D-Fotos von nackten Frauen. Der Mann hatte eben Stil.

Klangvolle Quellcodes

Es soll ja esoterisch veranlagte Menschen geben, die behaupten, dass jeder Farbton seinen eigenen Klang hat. Seit kurzem gibt es sogar Leute, die Internetseiten Klänge entlocken können. Auch hier war die Technik der Esoterik mal wieder eine Nasenlänge voraus. Wer die Hitverdächtigkeit der eigene Homepage oder des eigenen Blogs antesten möchte, sollte ganz schnell seine Webadresse kopieren und sie unter www.codeorgan.com eingeben. Sofort wird dort der Quellcode analysiert und in Töne umgewandelt. Allerdings soll es auch ganz schweigsame Seiten geben, bei denen dies nicht funktioniert.

Farblose Fotos

Blogs, auf denen man alte Filmfotos bewundern kann, mag ich besonders gern. Monochrome Aufnahmen haben eine Optik, die nicht von dieser Welt ist. Höhepunkt jener Art von Fotografie waren wohl die Nachkriegsjahre, in denen viele pessimistische Filme mit dunklen, bedrohlichen Bildern entstanden. Auf filmnoirphotos findet man aber auch Plakate und Starportraits aus anderen Epochen. Eine echte Fundgrube.

Bonus-Tipp: Verenas Weltlaterne

Den für mich seit langem besten Beweis dafür, dass Frauen doch Humor haben, liefert der Blog der Berliner Schriftstellerin und Journalistin Verena Dittrich. Unter »Verenas Weltlaterne« kann man Tag für Tag die Befindlichkeiten der jungen Stadtneurotikerin nachlesen. Witzig, charmant, geistreich und originell.