Mein Kumpel das Internet ist schon ein toller Typ. Immer, wenn ich von der großen bösen Welt die Nase voll habe, verbringe ich viel Zeit mit ihm. In seinem face kann man lesen, wie in einem book. Das Internet schafft es fast immer mich etwas aufzuheitern. Wie neulich, als ein Familienmitglied im Krankenhaus lag.
Das Internet hat viele alte Geschichten zu erzählen, aber auch eine Menge Neuigkeiten parat. Dumm ist nur, dass es ständig versucht mir irgendwelchen Ramsch anzudrehen. Das nervt. Außerdem lügt es oft wie gedruckt. Deshalb sollte man nicht zu viel Zeit mit ihm verbringen, dem alten Hallodri. Trotzdem: Hier sind wieder ein paar nette Sachen, die wir kürzlich zusammen entdeckt haben.
Comic-Cleese
Jahre bevor John Cleese die legendäre Comedy-Truppe »Monty Python« gründete, traf er in New York einen jungen Amerikaner namens Terry Gilliam, der für ein Satiremagazin namens »Help!« arbeitete. Da Gilliam sofort von der grandiosen Mimik des Briten angetan war, überredete er ihn, im Fotocomic »Christopher’s Punctured Romance« aufzutreten, die von einem Mann handelt, der sich in die Barbie-Puppe seiner Tochter verliebt.
Huppens Hände
Auch im fortgeschrittenem Alter ist der belgische Comic-Zeichner Hermann Huppen noch immer am Ball. Seine Klassiker »Andy Morgan«, »Comanche« und »Jeremiah« sind auch hierzulande ein Begriff. Er ist einer der ganz Großen. Hier kann man den Meister mit ergrauender Brustbehaarung beim Arbeiten am heimischen Zeichentisch zusehen. Ein wahrer Könner!
Emsige Eddings
Wer mit einem Edding zeichnen möchte, ohne den Gestank jener Filzschreiber ertragen zu müssen, kann dies jetzt im Internet tun. Auf einer sogenannten »Wall of Fame« wird jeder zwanghafte Kritzler und Krakler eingeladen, sich zu verewigen. Natürlich gibt es auch hier unsoziale Elemente, die sich an den Kunstwerken der Anderen vergehen. So wird jede »Wall of Fame« natürlich ganz leicht zur »Wall of Shame«.
Unfassbare Umschläge
Dass es uns allen immer noch ganz gut geht, sieht man besonders bei ebay. Dort wird nämlich gerade ein sogenannter »No-Prize« versteigert, wie er in den Swinging Sixties vom Comicverlag Marvel verschickt worden ist. Einen »No-Prize« gewann damals jeder Leser, der in den Heften einen Fehler entdeckte (und auf originelle Weise wegerklären konnte). Der Preis bestand jedoch nur aus einem leeren Umschlag – daher die Bezeichnung. Wer zahlt für einen über 40 Jahre alten leeren Unschlag mehr als $1.000? Die Comic-Fans natürlich! Was beweist, dass Comics tatsächlich blöd machen …
Jeffrey Catherine Jones (1944-2011)
Angefangen hatte er als Fantasy-Illustrator und Frank Frazetta-Imitator. Diese Phase war jedoch schnell vorbei. Jeff Jones entwickelte sich zu einem der herausragendsten Künstler seiner Generation. Selbst sein einstiges Idol Frazetta bezeichnete ihn später als »den größten lebenden Maler«. Doch Jones war eine gequälte Seele, die sich 1998 einer Geschlechtsumwandlung unterzog, deren Auswirkungen ihn/sie fast aus der Bahn warfen. Am 19. Mai ist Jeffrey Catherine Jones verstorben. Was zurück bleibt, ist ein einzigartiges Lebenswerk.
Für Menschen, die in einer Traumwelt leben wollen, habe ich nur einen Tipp: Kauft Euch einen iMac mit 24 Zoll Display! Jeder, der vor diesem Wunderwerk der Computertechnik gesessen hat, will gar nicht mehr in die große böse Realität zurück. Stattdessen verbringt man fortan jede wache Stunde im Internet, um unendliche Websites zu entdecken, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Gäbe es zum Beispiel folgende Seiten nicht, müsste man sie glatt erfinden:
Flimmernde Filmtitel
Das Schönste an einem Film ist oft der Vorspann. Echte Filmfans vergleichen ihn mit einer Vorspeise, die einen auf das Hauptgericht einstimmt. Wer käme allerdings auf die Idee hunderte von Filmtiteln per Screenshot einzufangen und ins Netz zu stellen? Jemand ohne soziales Leben, der ganz, ganz viel Zeit hat wahrscheinlich (vielleicht ist er aber auch nur glücklicher Besitzer eines iMacs). Egal: Freuen wir uns, dass es solche Menschen gibt.
Alte Autogramme
Ich selbst bin nur ein einziges Mal schwach geworden, um mir ein Autogramm zu holen: Nämlich als der geniale Lucky-Luke-Zeichner Morris in Hannover weilte, um einer Ausstellung seiner Werke beizuwohnen. Noch heute bewahre ich die Einladungskarte, die er mir auf die Schnelle signierte, auf. Mehr kann man von einem Star seines Kalibers nicht erwarten. Früher nahmen sich Cartoonisten richtig Zeit, wenn ein Fan eine signierte Zeichnung haben wollte. Hier ein paar schöne Beispiele.
Furchterregende Fotos
Alte Fotos finde ich einfach faszinierend. Bilde ich es mir nur ein, oder hatten die Leute damals andere Gesichter als heute? Als Kind fand ich deshalb alte Stummfilme geradezu furchterregend. Im Internet kann man eine Menge schöner Beispiele entdecken. Hier zum Beispiel einige Fotos, die im Buch »Mirrors. Photographs from the Arkansas State Prison, 1915-1937« erschienen sind.
Gilliam, der Große
In einigen Monaten kommt »Das Kabinett des Dr. Parnassus«, der mit Spannung erwartete neueste Film des Regie-Exzentrikers Terry Gilliam (»Brazil«) in unsere Kinos. Ich freue mich ganz besonders darauf, verspricht dieser Streifen doch nach einer langen Durststrecke eine Rückkehr zu seinen Wurzeln. Bevor Gilliam als Mitglied der Comedytruppe Monty Python zu Ruhm und Ehren kam, brachte er 1968 den Kurzfilm »Storytime« heraus, in dem bereits sämtliche Elemente vorhanden waren, die seinen ganz speziellen Humor ausmachten.
Harvey Kurtzman war nicht nur der Erfinder von Alfred E. Neumann und MAD, sondern revolutionierte mit seinem einzigartigen Stil den Humor einer ganzen Generation. Der Witz von »Saturday Night Live«, die Filme der Zucker-Brüder, die Comics von Art Spiegelman und Robert Crumb. Sie alle wären ohne Kurtzman nicht denkbar.
Obwohl er ein erstklassiger Zeichner war, ist er hauptsächlich als Redakteur und Autor in Erscheinung getreten. Kurtzman ist auch dafür verantwortlich, dass sein damaliger Assistent Terry Gilliam seinen zukünftigen Monty Python-Kollegen John Cleese traf. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.
Für »Playboy« steuerte Kurtzman über zwanzig Jahre lang die Layouts und Texte der Comicsatire Little Annie Fanny bei. Hier ein paar Glanzlichter seiner langen Karriere:
Kurtzmans kleine Welt
Auf der wunderbaren Website der Kurtzman-Familie kann man die größte Sammlung von Originalen des Meisters bestaunen, die das Internet zu bieten hat. Interessant sind vor allem die Skizzen für zahlreiche Titelbilder. Für Kurtzman-Einsteiger sowie für Hardcore-Fans ein Muss!
Kurtzman, der rasende Reporter
Für das Magazin »Esquire« besuchte Kurtzman in den späten 50ern die Dreharbeiten einiger populärer TV-Shows und Filme, um in Comicform darüber zu berichten. Hier schaute er sich am Drehort eines Streifens mit James Cagney um, der in Irland produziert wurde. Diese Form der Berichterstattung war damals eine absolute Novität und zeigt Kurtzman auf dem Höhepunkt seines bemerkenswerten Könnens. Leider trat er in späteren Jahren immer seltener als Zeichner in Erscheinung. Deshalb sind die wenigen Beiträge, die er ohne Mitarbeiter verfasste, heute umso wertvoller.
Kurtzman, der charismatische Chefredakteur
Fast zwanzig Jahre nach Kriegsende bat Harvey Kurtzman, damals Chefredakteur des Satireblatts »Help!«, seinen alten Freund, den Cartoonisten Arnold Roth, einen Reisebericht über Deutschland, den einstigen Feind, zu zeichnen. Auf dem Höhepunkt des kalten Krieges beschäftigte die Teilung Berlins und deren Folgen die ganze Welt. Roth besichtigte die Berliner Mauer, Nazis mit Gedächtnisschwund und die damals vorherrschende Männerknappheit Deutschlands aus nächster Nähe. Das Ganze erschien 1963.

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