Es gab eine Zeit, in der Filmmusik nur richtigen Enthusiasten vorbehalten war, die in Spezialkatalogen und auf Börsen zerkratzten Tonträgern hinterherjagten. Der Rest musste sich mit dem zufrieden geben, was man in einschlägigen CD-Abteilungen fand. Das war meist Musik aus Filmen von Steven Spielberg und George Lucas oder Klassiker wie »Lawrence von Arabien«. Viel mehr gab es nicht.
Jahrelang war ich zum Beispiel auf der Suche nach dem Soundtrack von »Citizen Kane« – ohne Erfolg. Dank des Internets findet man heute selbst die obskursten Kompositionen. Dank YouTube kann man sogar die Bilder dazu sehen.
Get Carter
Einer der besten Gangsterfilme überhaupt ist »Get Carter« (1971), mit Michael Caine in der Rolle eines abgeklärten Kriminellen, der in seine Heimatstadt Newcastle zurückkehrt, um mit den Mördern seines Bruders abzurechnen. Die jazzige Musik von Roy Budd geht einen nicht mehr aus den Kopf. Als Sylvester Stallone 2000 ein völlig überflüssiges Remake auf die Menschheit losließ, war auch eine verhunzte Version von Budds Soundtrack dabei. Bäh!
Bombay Talkie
Shankar Jaikishan ist zwar nicht so bekannt wie John Williams, doch seine Musik für den Film »Bombay Talkie« (1970) von James Ivory ist unvergesslich. Das fand wohl auch das einstige Indie-Wunderkind Wes Anderson und recycelte sie kurzerhand in seinem Streifen »The Darjeeling Limited« (2008). Das Schönste an der Eröffnungssequenz sind die kitschigen Plakate, auf denen die Credits abgebildet sind.
The Wind And The Lion
So unterhaltsam kann die Nahost-Problematik sein: »Der Wind und der Löwe« (1975) ist ein Film, der zwar sensationell aussieht, im Grunde aber nur zwei Dinge vorweisen kann, die ihn wirklich sehenswert machen: Sean Connery und die Musik von Jerry Goldsmith, der sich hier selbst übertraf. Die Musik hält all das, was der Film lediglich verspricht. Neben einer furiosen Eröffnung gibt es auch was fürs Herz. Hier der Originaltrailer.
Les Mariés de L’an 2
Der deutsche Titel dieses Films lautete »Musketier mit Hieb und Stich« (1971). Da ist den Übersetzern wohl mal wieder das Wörterbuch ins Klo gefallen. Die DDR-Synchronfassung ist wie so oft besser. Heute ist er leider fast vergessen. Zu Unrecht: Es war einer der letzten guten Filme Jean-Paul Belmondos, der sich in den Siebzigern fast nur noch auf halbgare Krimis verlegte, in denen er über Dächer kletterte und sich an Hubschrauber hängte. Komponist Michel Legrand steuerte einen tollen Soundtrack bei, der die Zeit der französischen Revolution heraufbeschwört.
Breakheart Pass
1975 schien Jerry Goldsmiths großes Jahr zu sein. Nicht nur, dass er mit der »Wind und der Löwe« eine seiner besten Kompositionen abgeliefert hatte. Mit »Nevada Pass« (dt. Titel) legte er einen drauf, indem er einem ziemlich behäbigen Streifen allein durch die Musik etwas Leben einhauchte. Der unentschlossen zwischen Western und Kriminalgeschichte schwankende Film mit Charles Bronson ist zwar kein Klassiker, doch zumindest ganz passabel.
La Nuit Américane
Regisseur François Truffaut und Komponist Georges Delerue gehörten zu den Traumpaaren des Kinos. Truffauts Klassiker »Schießen sie auf den Pianisten« und »Jules und Jim« wären ohne Delerues Musik einfach undenkbar. Besonders bei »Die amerikanische Nacht« (1973), in der Truffaut typische Szenen bei den Dreharbeiten eines Films beschreibt, konnte der Komponist glänzen. Hier die berühmteste Passage. Truffauts Kollege Godard fand den Film verlogen: »Jeder weiss doch, dass der Regisseur mit der Hauptdarstellerin schläft«.
In dem Film »Die Royal Tenenbaums« gibt es eine Szene, die meiner Meinung nach zu den ganz großen Momenten des Kinos zählt.
Margot Tenenbaum (gespielt von Gwyneth Paltrow) steigt am Hafen aus einem Linienbus, um ihren Bruder Richie (gespielt von Luke Wilson) abzuholen, der vor einem Meer aus Koffern auf sie wartet. In dem Moment, in dem Margot den Bus verlässt, setzen die ersten Takte von »These Days« ein und die Welt bewegt sich in Zeitlupe. In dieser einzigen Szene ist alles über diese Figuren gesagt, was es zu sagen gibt.
Technisch gesehen ist »These Days« kein schöner Song, denn Nico, die Interpretin, mag Vieles sein – nur eben keine gute Sängerin. Doch trotz des harten teutonischen Akzents, trotz der spröden Stimme, trotz der Monotonie, mit der sie den Text vorträgt, trifft der Titel mitten ins Herz. Was ihr an Können fehlte, machte sie mit Aufrichtigkeit wett. »These Days« erzählt nicht von Frohsinn, Sonne, Cha Cha Cha, sondern von einer verletzten Seele:
These days I seem to think a lot
About the things that I forgot to do
And all the times I had the chance to.
Melancholie pur. Für so einen Song war die schwermütige Nico die ideale Interpretin. Hier zeigt sich das wahre Genie von »Tenenbaum«-Regisseur Wes Anderson: Um die Gefühle einer unglücklichen Hauptfigur darzustellen, griff er zum Gesang einer unglücklichen Sixties-Ikone.
In der Zeit, in der dieser Song entstand, waren dunkle Töne im Mainstream eher selten. Selbst die traurigste Ballade bot den Hörern am Ende zumindest einen Hoffnungsschimmer. Bei »These Days« wartet man darauf vergebens. Selbstmitleid ist schließlich die verlockendste aller Eitelkeiten. Doch erstaunlicherweise passiert dies hier ohne Grandezza. Am Ende des Songs heißt es schlicht:
Please don’t confront me with my failures,
I had not forgotten them.
Nicos wahrer Name lautete Christa Päffgen. In den 50ern und 60ern zählte die gebürtige Kölnerin zu den schönsten Frauen der Welt. Sie trat in Fellinis Klassiker »La Dolce Vita« auf, war Muse von Andy Warhol und fester Bestandteil seiner Factory. So beeindruckt war Warhol von der kühlen Grazie, dass er sie den Mitgliedern seiner Hauskapelle »The Velvet Underground« als Sängerin aufdrückte. Wer ihren Gesang zum ersten Mal hört, der versteht, warum die Band rebellierte.
Doch obwohl Lou Reed sie flugs aus der Band rausekelte, fand Nico Gefallen an der Musik. Ein Soloalbum mit dem Titel »Chelsea Girl« (1967) entstand, für das der junge Songwriter Jackson Browne, der damals mit der Diva liiert war, die besten Nummern beisteuerte: »These Days« und »The Fairest Of The Season«, die man beide auch auf dem Soundtrack der »Royal Tenenbaums« findet. Obwohl der Produzent nachträglich versuchte die Lieder durch gefällige Arrangements massenkompatibler zu machen, kamen seine Bemühungen gegen Nicos eigentümlichen Gesang nicht an.
»Chelsea Girl« enthält viele eingängige Melodien, die jedoch sämtlich an der Verweigerungshaltung der Sängerin scheitern. Nur bei »These Days« und »The Fairest Of The Season« ist das Ergebnis traurig-schön. Eigentlich als ein reines Kommerzprodukt geplant, das Kapital aus Nicos damaliger Popularität schlagen sollte, wurde die LP später zum Kultobjekt. Natürlich wurde das Werk ein finanzieller Flop. Die Fans des Models erwarteten fröhlichen Girlie-Pop. Für den Weltschmerz der Schönen und Erfolgreichen hat sich schon damals kein Schwein interessiert.
Nico jedoch fand ihre neue Berufung. In den Folgejahren nahm sie mehre Alben auf, die sich allesamt jenseits des Massengeschmacks bewegten; einige davon zusammen mit ihrem ehemaligen Bandkollegen John Cale, der ihr kommerzielles Scheitern mit dem berühmten Satz »Man kann Selbstmord nicht verpacken« kommentierte. Die neue Nico färbte ihre Haare dunkel und tingelte mit einem Harmonium durch die Lande, um einer eingeschworenen Fangemeinde von Tod, Wahnsinn und Verzweiflung zu künden. Eine Rolle, die ihr offenbar lag. Mehr als zwanzig Jahre war sie heroinabhängig, fixte sogar ihren Sohn an. Ein Clubbesitzer beschrieb das einstige Schönheitsideal später als »verlebten Junkie mit schlechten Zähnen«. 1988 fiel sie, nachdem sie zwei Jahre clean war, auf Ibiza tot vom Fahrrad. Ein trauriges Ende für ein trauriges Leben.
Wer Nico damals getroffen hätte, wäre wahrscheinlich schreiend weggerannt. Und dennoch hatte diese Frau etwas Faszinierendes. Auf Bildern wirkt sie stets unnahbar und scheinbar in ihrer eigenen Welt versunken. Freunde erzählen jedoch, dass sie oft gelacht haben soll wie ein Kind. »Was ist in diesem Leben schief gelaufen?« fragt man sich unwillkürlich.
Die Kölner Regisseurin Susanne Ofteringer setzte der glücklosen Sängerin mit ihrer Dokumentation »Nico Icon« ein würdiges Denkmal. Eine Antwort auf die Frage konnte auch sie nicht liefern. Was war es, das Christa Päffgen zerstört hat? Man kann nur spekulieren: Sexueller Missbrauch? Die Oberflächlichkeit ihrer Umgebung? Oder hatte sie es satt, ständig auf ihr Äußeres reduziert zu werden? Fest steht, dass sie über Jahre hinweg ihr Bestes tat, um ihre einstige Schönheit zu vernichten.
Für Nicos andere Werke werde ich mich nie erwärmen können. »These Days« dagegen schafft spielerisch den Balanceakt auf dem schmalen Grat, zwischen dem Schönen und dem Traurigen zu wandeln, ohne zu straucheln. Selbst Jackson Browne gelang es später nicht, seine eigene Komposition so kongenial vorzutragen wie einst Nico. Zu allem Überfluss verpasste er seinem Lied am Ende eine optimistische Note. Das Publikum dankte es ihm. »These Days« von Nico ist für mich einer dieser seltsamen Zufälle, bei dem die Summe größer ist, als deren Teile und die Sängerin so wichtig ist wie ihr Song.
Nie wieder war Melancholie so schön.
Unglaublich: Nach nur einer Woche haben über 200 Personen das 111 Gründe-Video angesehen. Wie sagte Karl Moik so schön: »Ich frrrrreu mich!«.
Wenn jetzt noch jeder das Buch kauft, würde ich mich sogar noch mehr freuen. Wahrscheinlich werde ich in naher Zukunft ein weiteres Video online stellen. Ein paar Ideen hab ich schon.
Jetzt, wo ich selbst sozusagen unter die Filmschaffenden gegangen bin, hat mich das Filmfieber voll im Griff. Deshalb gibt es diese Woche einen kompletten Kinoabend. Natürlich mit Vorfilm.
Bevor Cartoonist Jules Feiffer Pulitzer-Preise einheimste, Bühnenstücke, Romane und Filme schrieb, verdingte er sich als Assistent und Ghostwriter des legendären Will Eisner. Irgendwo dazwischen entstand ein hübscher kleiner Kurzfilm mit dem Titel »Munro« (1960), der heute leider fast vergessen ist.
»Rushmore« (1999), der zweite abendfüllende Spielfilm von Wes Anderson beinhaltet schon alles, was auch seine späteren Werke auszeichnet: Schrullige Charaktere, ein Hauch von Melancholie, ein toller Soundtrack und ein akribischer Sinn für Details.
Max Fisher, Schüler an der Elite-Highschool Rushmore ist verliebt in die Lehrerin Ms. Cross. Nur dummerweise kommt ihm dabei sein väterlicher Freund Mr. Blume in die Quere, der sich ebenfalls in die hübsche Pädagogin verguckt. Zwischen den ungleichen Rivalen entbrennt ein tragikomischer Kampf um das Herz ihrer Angebeteten.
Mit »Rushmore« startete Bill Murray seine Karriere als »seriöser« Schauspieler. Einer meiner absoluten Lieblingsfilme, nur hierzulande nahezu unbekannt.
Als Kind las ich in einem Comic-Taschenbuch die Geschichte »Donald im Jahre 2001«, mit der allseits beliebten Disney-Ente. Dort wird eine Zukunft gezeigt, in der Raumschiffe, komische Hüte, Strahlenpistolen und andere skurrile Erfindungen zum Alltag gehören. Ich konnte deshalb das Jahr 2001 kaum erwarten.
Das Jahr 2001 rückte näher und nur wenig geschah. Klar, wir hatten Personalcomputer, das Internet, Handys und andere nette Spielereien. Doch auf ein schnittiges Raumschiff, mit dem man mal eben schnell zum Mars düsen kann, wartete ich noch immer vergebens. Trotzdem: Das Jahr 2001 krempelte mein Leben überraschenderweise komplett um. Zum Besseren.
Nun schreiben wir 2008, und ich habe dieses verdammte Raumschiff immer noch nicht. Noch nicht mal einen komischen Hut! Doch zumindest habe ich das Gefühl, dass sich vieles verändern wird. Zum Guten? Hoffe ich doch! Immerhin essen wir heute kein Menschenfleisch, wie es Harry Harrison in seiner düsteren Utopie »Make Room! Make Room!« (dt. Soylent Green) einst prophezeit hatte.
Dem Jahr 2007 blicke ich mit recht gemischten Gefühlen hinterher. Was bringt 2008? Für mich zumindest ein paar persönliche Dinge, auf die ich mich jetzt schon unheimlich freue:
1. Im Herbst erscheint ein neues Sachbuch, an dem ich beteiligt bin, über das ich an dieser Stelle noch berichten werde. Ich sitze gerade an den letzten Korrekturen.
2. Ebenfalls in Arbeit: Ein Cartoonband, der wahrscheinlich zum Jahresende erscheinen wird. Diesmal mit brandneuen Cartoons zu einem sehr speziellen Thema.
3. Auch in Vorbereitung: Neue Postkarten mit Cartoon-Motiven. In den letzten Jahren habe ich diesen Bereich sträflich vernachlässigt. Wieso? Hmmm … vielleicht … Faulheit?
4. Der Kanadier Dave Sim, ein Querdenker, Weiberfeind und religiöser Wirrkopf, aber auch ein begnadeter Künstler, bringt nach langer Pause mit Glamourpuss einen neuen Comic heraus. Ich bin extrem gespannt!
5. Wes Andersons neuer Film The Darjeeling Limited startet im Januar in den deutschen Kinos. Ich bin seit »Rushmore« ein Fan dieses Regisseurs.
6. Der legendäre Journalist Georg Stefan Troller hat gerade zwei Bücher über die Personen, die er im Laufe seiner langen Karriere getroffen hat, herausgebracht. Gerade weil Troller sich nicht im geringsten um Objektivität bemühte, waren seine Filme stets spannend und ungewöhnlich. Seine Bücher noch viel mehr.
7. Seit Jahren plane ich das tolle Comic-Museum in Brüssel zu besuchen. In diesem Jahr wird dieser Plan endlich umgesetzt.
8. Im Frühjahr geht es wieder nach Leipzig zur Buchmesse. Ich freue mich schon riesig auf die leckere Pizza (die beste in Deutschland), die dort in meiner Lieblingspizzeria serviert wird.
9. Als stolzer Besitzer einer Bahncard hoffe ich im neuen Jahr etwas mobiler zu sein. Ich nenne es: Operation »Arsch hoch«.
10. Um mir selbst ein Geschenk zu machen, habe ich zu Weihnachten viele neue Zeichenwerkzeuge eingekauft, die ich im neuen Jahr einsetzen werde. Bin gespannt, was sie bewirken werden.
Tja, das war’s schon. Da sieht man mal wieder, wie bescheiden wir armen Künstler doch sind. Ein popeliger Filzstift reicht aus, um unser Herz zu erfreuen. Könnte bedeuten, dass wir von der materialistischen Welt gänzlich unverdorben sind. Könnte andererseits auch bedeuten, dass wir ganz einfach doof sind …

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