In diesem Sommer geht es ruff un’ runner, wie die Hessen sagen. Vor einanderthalb Wochen, beim 12. Jahrestreffen der Douglas-Adams-Fans im Ostharz, mussten wir nach der feierlichen Aufbereitung von Merguez-Würstchen und Halloumi-Käse noch Kaminholz in den Grill schmeißen, um in den kühlen Nächten nicht messnersche Erfrierungen zu erleiden. Natürlich hatten wir alle unser Handtuch dabei. Doch bei den eisigen Temperaturen half das wenig.
Heute soll das Quecksilber mal wieder auf 26 Grad klettern. Eine gute Gelegenheit also, diesen Text auf der Terrasse zu schreiben und nicht im miefigen Büro. Dumm nur, dass die hiesigen Bauern gerade wie verrückt Gülle durch die Gegend fahren – ruff un’ runner, wie die Hessen sagen. Obendrein surren gefühlt 5.000 Fadenmäher durch die Sommerluft. Warum können Bauern und Baumarktfuzzis sowas nicht im Winter machen?
In ein paar Wochen ist mir das egal. Dann geht es wieder unter die mediterrane Sonne nach Spanien. In meinem bevorzugten Urlaubsdomizil bewegen sich die Temperaturen schon seit Wochen konstant zwischen 28 und 32 Grad Celsius. Bei solchen Wetterbedingungen kann man nichts anderes machen als schreiben, lesen, essen, schlafen und den trägen Körper einmal pro Tag durch einen kleinen Pinienwald zum Strand schleppen. Lästig ist hier allenfalls das Auf- und Abbauen der Zeltmuschel.
Allerdings: Nicht alle bei wortmax versammelten Autoren sind in den kommenden Tagen so untätig wie der Herr wortmax selbst. Wiebke Saathoff und Marc Domin zum Beispiel stopfen das Sommerloch mt einer Lesung im Nexus in Braunschweig, am 23. Juli. Und Herr Burgwächter (»Tillicus Glossicus Metallicus«) lässt es – wie nicht anders zu erwarten – wieder richtig krachen. Er schüttelt am 29. Juli in Vorbereitung auf das Wacken Open Air im Ballroom in Osnabrück sein Haupthaar – zu den rustikalen Texten, die er bei solchen Veranstaltungen zu lesen pflegt.
Der August ist ein toter Fisch im Wasser. Erst im September dehnt die Bumsdorfer Autorenschaft wieder ihre Sprechmuskeln, zu den Kulturnächten in Helmstedt und Wolfenbüttel sowie zum Start in die neue Saison der Bumsdorfer Auslese. Damit bin ich bei dem Thema angekommen, über das ich heute schreiben wollte: die nahe Zukunft unserer beschaulichen Lesebühne.
Die Bumsdorfer Auslese – ab September mit neuen Trikots
Vor ein paar Wochen kam es im Café Riptide in Braunschweig zu einem konspirativen Treffen. Bei Wolters, Weizenbier und Nerdbrause wurde beschlossen, dass wir unsere Auftritte in der KaufBar künftig anders gestalten wollen. So haben wir ab September nicht mehr nur einen lesenden Menschen zu Gast, sondern zusätzlich auch einen musizierenden.
Da es auf der Bühne so eng wäre wie in einem Latexanzug, wenn sich die feste Belegschaft plus zwei Gäste plus diverse Instrumente plus Lesebiber darauf tummeln, werden zu einer Veranstaltung nie alle Mitglieder des Ensembles anwesend sein, sondern sich bei den zweimonatigen Auftritten abwechseln. Wandern wird auch das Moderatoren-Mikrofon. Jeder darf mal.
Auf diese Weise wird die Bumsdorfer Auslese eine erfrischende Fluktuation erfahren. Es geht dann ruff un’ runner, wie die Hessen sagen. Die Gäste erwartet alle zwei Monate eine neue Wundertüte. Gleiches gilt für die Vortragskünstler, die sich traditionell gegenseitig verblüffen. Am 16. September, wenn sich die Sonnenbräune zu pellen beginnt, geht’s los, mit den Gästen Sven Kamin und Benjamin Kaiser. Wir freuen uns auf Euch!
Aufstehen. Lesen. An den Strand gehen. Zeltmuschel aufbauen. Lesen. Ins Meer hüpfen. Lesen. Zeltmuschel abbauen. Fisch essen. Übers Leben nachdenken. Lesen. Schlafen. Und das alles 14 Tage lang. So ein Urlaub in Südspanien ist doch etwas Feines. Schade, wenn er vorbei ist.
Bei einem solchen Tagesablauf gibt es natürlich nicht viel zu berichten, außer dass ich mit dem Lesen von Kapielskis Gottesbeweisen und mehreren Murakami-Büchern bedenkliche Bildungslücken schließen konnte. Und dass ich eines Abends mit rund 80 spanischen Senioren in einem Strandlokal an der Costa Blanca vor einer komischen Leinwand saß und Bingo spielte. Man muss ja alles einmal ausprobieren. Um mitreden zu können und um Eindrücke zu sammeln, die man in den Geschichten verbraten kann, welche man hier im Blog und auf den hiesigen Lesebühnen vorzustellen gedenkt.
Die Sommerpause 2010 erkläre ich hiermit offiziell für beendet. Meine Kollegen und ich stehen schon wieder voll im kreativen Saft. Müssen wir ja auch. Denn mit der Braunschweiger Kulturnacht 2010 am 28. August steht für die bei wortmax beworbenen Künstler ein wichtiges Heimspiel an.
- Kollege Weyershausen und meine Wenigkeit werden in jener bewegenden Nacht unsere »111 Gründe« zum Besten geben. Ab 23.00 Uhr im Kleinen Haus des Staatstheaters (U22). Musikalisch begleitet werden wir von der britischen Psychedelic-Rock-Legende Robert »Watson« Wood – solo an der E-Gitarre.
- Kurz vorher, ab 21.00 Uhr, werden Herr Klingenberg, Herr Burgwächter und Herr Schäfer das Café Riptide aufmischen – mit ihrer bundesweit erprobten Heavy-Metal Lesung Read’em all.
- An der Ferdinand-Brücke ist unsere liebe Freundin Julia Wally Wagner im Einsatz.
- Die Ateliersgemeinschaft Tatendrang-Design bietet eine Sonderausstellung und Theater.
- Hardy Crueger liest ab 20.15 Uhr am Bootssteg am Theaterpark aus seinen Okergeschichten.
- Und vor dem Thalia-Buchhaus präsentieren Stefan Jakobs & Co. aus Helmstedt ihre arbeitsmarktpolitisch-mathematische Perfomance »1EDV – Die 1 Euro Datenverarbeitung«.
Das ganze Programm zur Braunschweiger Kulturnacht 2010 findet Ihr hier.
Sollten wir alle unversehrt durch diese Nacht kommen, bleibt uns nicht viel Zeit zum Ausruhen. Denn am Freitag, den 10. September, beendet auch unsere Lesebühne »Bumsdorfer Auslese« ihre Sommerpause.
Auskommen müssen wir ohne Wiebke Saathoff und MarcD. aus W., die an diesem Abend ausnahmsweise einmal Wichtigeres zu erledigen haben. Dafür hat unser Chef-Organisator Herr Klingenberg mit Christian Friedrich Sölter aus Hannover wieder einen hochkarätigen Gast für unsere Auftrittsreihe in der KaufBar shanghaien können. Das Thema des Abends lautet: Ringelpiez und Eurythmie. Was jeder von uns darunter versteht, wird man sehen und hören.
Also, es gibt viel zu tun. Lassen wir es und uns nicht länger herumliegen!

Die Bumsdorfer Auslese am 8. Januar 2010.
Würde die zweite Bumsdorfer Auslese am 8. Januar 2010 wirklich stattfinden? Ich muss gestehen, ich hatte Zweifel. Nicht etwa wegen Auflösungserscheinungen des Ensembles, sondern wegen dem Sturm- und Schneetief Daisy, das mir der Wetterfrosch vom Zweiten Deutschen Fernsehen einen Abend zuvor apokalyptisch angekündigt hatte. Welche Sau mag bei einem solchen Schweine(grippen)wetter schon seinen Fuß vor die Tür setzen, geschweige denn ihn zusammen mit seinem zweiten Fuß durch meterhohe Schneeverwehungen zu einer Dichterlesung schleppen?
Dick vermummt brach ich in Richtung KaufBar auf. Die Bühne dort ist leicht höhergelegt. Ich dachte mir: Wenn dort wider Erwarten jemand in der ersten Reihe Platz nehmen sollte, würde er während der Lesung auf meine billigen Winterstiefel starren. Das durfte nicht sein. Also packte ich mir vorsorglich noch ein Paar Halbschuhe ein. Da es eine literarische Veranstaltung war, zu der ich fuhr, steckte ich die eleganteren Ersatzlatschen in eine Stofftasche mit dem Aufdruck »arte«. Mein Kulturbeutel. Nur so wird ein Schuh draus.
Doch all meine Sorgen erwiesen sich als unbegründet. Als ich in der KaufBar ankam, war von Daisy noch immer keine Spur. Und dass unsere Zuhörerschaft bei kälterem Wetter lieber auf dem Sofa liegen bleibt, kann man auch nicht behaupten. Im Gegenteil. Dreimal bin ich in der KaufBar inzwischen aufgetreten. So voll wie an diesem Abend war es meiner Meinung nach noch nie. (Ich weiß jetzt, dass die KaufBar einen Keller hat, und dass dort noch jede Menge Stühle stehen.)
Unter solchen Voraussetzungen konnte die anschließende Veranstaltung natürlich nur gelingen. Ich bin sicher, ich hätte etwas verpasst, wenn ich nicht dabei gewesen wäre. Wir haben jetzt ein Maskottchen, den Lesebiber. (Nein, das ist nicht der langhaarige Pianist, der unsere wortreichen Beiträge hinterrücks zu untermalen versucht). Der Lesebiber ist ein in der KaufBar aufgespürtes Plüschtier. Es wird bei künftigen Auslesen in Bumsdorf immer dabei sein und dafür sorgen, dass wir auf dem Autorensofa noch enger zusammenrücken (müssen) und es dort zwangsläufig noch viel kuscheliger wird als bisher.
Achja, und gelesen wurde auch. Zu den Vortragenden gehörten neben den Ensemble-Mitgliedern Wiebke Saathoff, Axel Klingenberg, Marcel Pollex, Holger Reichard, Play-it-again-Ben-Büttner, Daniel Terek die wunderbaren Gäste Luc Degla und MarcD. aus W. (Till Burgwächter war an diesem Abend entschuldigt. Er weilte in Norwegen und hatte dort auf schwarzen Messen sicher nicht nur mit einer hiesigen Black Metal Band zu kämpfen, sondern – so nahe am Nordpol – wohl auch mit der Mutter aller Daisys.)
Einer der vielen Höhepunkte der zweiten Bumsdorfer Auslese war Daniel Terek, der uns den Sinn des Lebens erklärte, und zwar aus der Sicht einer Kinder-Mortadella mit Gesicht. Gelernt haben wir schließlich auch noch etwas: Russischer Wodka kommt nicht aus Russland, sondern aus Benin. Danke Luc! Und Dank an das zahlreich erschienende Publikum, das sich von Daisy nicht beirren ließ und ohne das Bumsdorf (und damit das Leben) keinen Sinn ergäbe.
Bumsdorf-Mäzen Andreas Reiffer hat den Abend – wie immer – wunderbar dokumentiert. Mit vielen Fotos (klickt oben auf das große Bild oder hier) und in bewegten wie auch bewegenden Bildern:
Das neue Jahr ist schon über die Startlinie gestolpert und auch die sechs Literaten der Bumsdorfer Auslese und ihr daumenkinoflinker Pianist scharren schon mit den Hufen, um dem verehrten Publikum den Sinn des Lebens zu erklären. So lautet zumindest das Thema des diesmaligen Abends.
Und eigentlich sind es diesmal auch nur fünf gebürtige Bumsdorfer, denn Till Burgwächter lässt sich vielmals entschuldigen, aber er muss eine menschenopfernde norwegische Black Metal-Band in ihrer geräumigen Wohnhöhle in der Nähe des Nordpols interviewen. Für den Fall, dass er von dieser Mission lebend und vollständig zurückkommt, wird er selbstredend beim nächsten Mal wieder Rede und Antwort stehen bzw. vom Blatt ablesen.
Wie dem auch sei: Die Bumsdorfer Dorfschreiber haben sich diesmal deshalb gleich zwei Gäste eingeladen: Zum einen haben wir da Luc Degla (»Das afrikanische Auge«), seines Zeichens Dichter, DJ und da capo-Kolumnist, der einige seiner schönsten Texte vortragen wird; zum anderen wird MarcD. aus W. an diesem Abend zeigen, was eine Wolfsburger Slam-Harke ist.
Hier nochmal die harten Fakten:
Freitag, 08. Januar 2010
Bumsdorfer Auslese – Braunschweigs Lesebühne
mit Ben Büttner, Axel Klingenberg, Marcel Pollex, Holger Reichard, Wiebke Saathoff, Daniel Terek, MarcD. und Luc Degla. KaufBar, Helmstedter Str. 135, Braunschweig, Beginn: 20.00 Uhr

»Schlaf ist eine Unhöflichkeit gegenüber der Nacht«, schrieb einst der deutsche Aphoristiker Hans Kudszus. Ich adaptiere diese komische Feststellung mal für mein Urteil über Jahreszeiten: »Der Winter ist eine Unhöflichkeit gegenüber den Rest des Jahres«. Zum Glück ist er jetzt vorbei, der Winter, nicht der Rest des Jahres.
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